Orgasmus
Der Orgasmus stellt den Höhepunkt des sexuellen Lustempfindens von Mann und Frau dar, gefolgt von einem besonders angenehmen Gefühl der körperlichen und geistigen Entspannung. Der Ablauf der sexuellen Erregung, die zum Orgasmus führt, unterliegt ausgeprägten individuellen Unterschieden. Zum Erreichen eines Orgasmus ist der Geschlechtsverkehr weder der einzige noch der häufigste Weg. Bei Störungen im Erleben eines Orgasmus oder beim Ausbleiben eines Orgasmus muss neben organischen Ursachen auch an psychische Ursachen gedacht werden.
Definition/Allgemeines
Als Orgasmus bezeichnet man den Höhepunkt des sexuellen Lustempfindens von Mann und Frau mit dem anschließenden Gefühl einer besonders angenehmen körperlichen und geistigen Entspannung, die als Befriedigung empfunden wird. Die Bezeichnung kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Leidenschaft, Trieb".
Der Orgasmus ist das Ergebnis des Zusammenwirkens physischer, also körperlicher, und psychischer, also seelischer, Faktoren. Das Erreichen eines Orgasmus bestimmt in starkem Maße die Beglückung und Erfüllung im Geschlechtsleben. Beide Geschlechter weisen erhebliche Unterschiede hinsichtlich des Erlebens und des Ablaufes der sexuellen Erregung bis hin zum Orgasmus auf.
Vaginaler oder klitoraler Orgasmus?
Viele Jahrzehnte lang wurde heftig darüber gestritten, welche Art des sexuellen Höhepunkts der Frau der Lustvollere sei, der durch die Reizung der Klitoris oder der durch das Glied in der Scheide ausgelöste Orgasmus. Diese Diskussion bekam neben dem rein medizinischen Aspekt zunehmend auch einen stark gesellschafts-politischen Aspekt. Die erstarkte Frauenbewegung war nämlich der Überzeugung, und vertrat das auch öffentlich sehr vehement, dass es im Grunde nur den klitoralen Orgasmus gäbe. Durch antomisch-physiologische Forschungsarbeiten hat sich dieser Streit aber anscheinend lösen lassen. Es hat sich nämlich gezeigt, dass das Klitorisgewebe sehr viel weiter in die Scheide hinein ragt als bis zu diesem Zeitpunkt bekannt war. Insofern hatten bzw. haben beide Seiten Recht.
Erregung
Der Orgasmus stellt den Höhepunkt der sexuellen Erregung beider Geschlechter dar. Wodurch eine sexuelle Erregung ausgelöst wird, ist individuell sehr verschieden. In Betracht kommen alle Formen von Sinneswahrnehmungen, die erotische Assoziationen bzw. sexuelle Reaktionen auslösen. Dies können bestimmte Düfte sein, erotische Bilder, Gedichte, Musik, Träume oder einfach nur bestimmte Gegenstände. Zum Erreichen eines Orgasmus sind allerdings meist zusätzlich körperliche Reize, wie die Berührung erogener Zonen, notwendig. Zu den erogenen Zonen gehören z.B. der Mund, die Brust oder die Genitalien. Zum Erleben eines Orgasmus ist der Koitus, also der Geschlechtsverkehr, jedoch nicht zwingend erforderlich.
Ein Orgasmus kann auch durch Petting, also das gegenseitige Berühren erogener Zonen, oder durch Masturbation erreicht werden. Bei der Masturbation bzw. Selbstbefriedigung wird das äußere Genitale, bei der Frau die Klitoris bzw. die Vagina, beim Mann der Penis, solange gereizt, bis der Orgasmus eintritt. In den Industrienationen, aber auch in anderen Kulturen nimmt der Mundverkehr eine zunehmend wichtige Rolle ein. Aber schon in den alten indischen, chinesischen oder japanischen Kulturen beispielsweise geben zahlreiche erhaltene Abbildungen Zeugnis davon ab, dass diese Sexualpraxis sich schon dort größter Beliebtheit erfreute. Er ist aber auf der anderen Seite, z.B. in den muslemischen Ländern absolut tabu. Und auch in den USA gilt er nicht als akzeptierte Sexualpraxis. Die Tatsache, dass die Frau den Penis mit dem Mund oder der Zunge befriedigt bzw.reizt wird als Fellatio (von lat. fellare = saugen) bezeichnet. Die Befriedigung bzw. Reizung der weiblichen Geschlechtsorgane mit dem Mund oder der Zunge wird als Cunnilingus (von lat. cunnus = weibl. Scham und lingere = lecken) bezeichnet.
Phasen
Die sexuelle Erregung, deren Höhepunkt der Orgasmus bildet, verläuft in aufeinander folgenden Phasen. Bei beiden Geschlechtern gibt es innerhalb dieser Phasen Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede.
Erregungsphase (Dauer: Minuten bis Stunden)
Bei beiden Geschlechtern treten als Zeichen einer beginnenden körperlichen Erregung eine Beschleunigung des Pulses und der Atemfrequenz sowie eine Erhöhung des Blutdruckes auf. Bei der Frau schwellen die Klitoris und die Schamlippen an. In der Scheide kommt es zu einer vermehrten Flüssigkeitsabsonderung durch die Scheidenschleimhaut, die das Eindringen des Penis erleichtern soll. Die Scheide wird außerdem länger und weiter, die Gebärmutter tritt höher. Die Brüste können anschwellen und die Brustwarzen richten sich auf.
Beim Mann tritt infolge einer vermehrten Blutzufuhr eine Schwellung des Penis auf, der nicht nur dicker, sondern auch länger wird. Die Steifigkeit des Penis nimmt zu. Der gesamte Vorgang wird als Erektion bezeichnet. Hoden und Skrotum, also der Hodensack, ziehen sich zusammen.
Plateauphase (Dauer: Minuten)
Die Plateauphase geht für beide Geschlechter mit einer weiteren Zunahme der körperlichen Erregung einher, die durch eine Zunahme der Muskelspannung sowie durch einen zunehmenden Kontrollverlust gekennzeichnet ist.
Die kleinen Schamlippen schwellen weiter an. Aus den Bartholinischen Drüsen wird ein Sekret entleert, das das Eindringen und Gleiten des Penis in der Scheide begünstigt. Das untere Scheidendrittel verengt sich zur so genannten "orgastischen Manschette". Der Penis nimmt weiter an Größe zu, insbesondere im Bereich der Glans penis, also der Eichel. Diese verfärbt sich rötlich-violett. Aus der Harnröhrenöffnung kann eine minimale Sekretion beobachtet werden, der "Sehnsuchtstropfen". Die Hoden schwellen an. Schon dieser Sehnsuchtstropfen kann bereits einige Samenzellen beinhalten. Daher Vorsicht beim ungeschützten Verkehr!
Orgasmusphase (Dauer: Sekunden)
Für beide Geschlechter stellt der Orgasmus den Höhepunkt der körperlichen Erregung dar, der mit einer allgemeinen Muskelanspannung und unterschiedlich stark ausgeprägten Veränderungen des Bewusstseins, oft als "Schweben" beschrieben, einhergeht. Atemfrequenz, Blutdruck und Puls haben ihr Maximum erreicht.
Der Orgasmus der Frau ist durch das Auftreten mehrerer rhythmischer Kontraktionen der Scheide, der Gebärmutter sowie des Beckenbodens gekennzeichnet. Frauen können ihren Orgasmus über einen verhältnismäßig langen Zeitraum von 20 bis zu 60 Sekunden aufrechterhalten. Der Orgasmus des Mannes ist deutlich kürzer und durch die Ejakulation sowie eine rhythmische Kontraktion der Beckenbodenmuskulatur gekennzeichnet.
Rückbildungsphase (Dauer: Minuten bis Stunden)
Während der Rückbildungsphase tritt eine Normalisierung von Atmung, Blutdruck und Puls ein. Die muskuläre Anspannung lässt nach. Die Rückbildungsphase wird wieder gemeinsam erlebt. Viele Menschen, vor allem Männer, empfinden in dieser Phase ein ausgeprägtes Schlafbedürfnis.
Die Klitoris und die Schamlippen schwellen langsam wieder ab, die Scheide verkürzt sich wieder und die Gebärmutter senkt sich. Die Rückbildung der Scheide ist bereits nach ca. 15 Minuten abgeschlossen, wohingegen die vollständige Abschwellung der Schamlippen bis zu 3 Stunden dauern kann. Der Penis verkleinert sich verhältnismäßig rasch um etwa die Hälfte. Die Hoden schwellen ebenfalls ab und treten wieder tiefer.
Refraktärphase
Die Refraktärphase stellt einen wesentlichen Unterschied zwischen beiden Geschlechtern dar. Im Anschluss an einen Orgasmus benötigt der Mann eine längere Erholungsphase. Während der Refraktärphase ist der Mann gegenüber sexuellen Reizen weniger empfindlich. Frauen dagegen können in kurzer Abfolge, sogar während eines Geschlechtsverkehrs, mehrere Orgasmen erleben (multiple Orgasmen). Aber auch hier gibt es irgendwann eine Refraktärphase.
Michael S. Exon und seine Kollegen vom Institut für Medizinische Psychologie wollten herausfinden, welche biochemischen Prozesse dieser "Blockade" zugrunde liegen. In mehreren Studien fanden sie heraus, dass Frauen und Männer während der Erregung gleiche hormonelle Reaktionen zeigten. Das Besondere für die Wissenschaftler: Direkt nach dem Orgasmus stieg der Hormonspiegel von Prolaktin bei beiden Geschlechtern um 100 % und blieb etwa eine Stunde auf diesem Level. Sie vermuten, dass der erhöhte Prolaktinspiegel bei den Männern eine Art Lustbremse verursacht, die einer Sättigung gleich kommt.
Die Wirkungsmechanismen stellen sich die Wissenschaftler folgendermaßen vor: Zum einen verhindert der hohe Prolaktinspiegel in den Sexualorganen ein frühzeitiges Erschlaffen der Gefäßmuskulatur am Eingang der Schwellkörper. Somit kann nicht erneut Blut in den Schwellkörper gelangen und eine Erektion erzeugen. Zum anderen hemmt Prolaktin im Gehirn die Ausschüttung von solchen Hormonen, die bei sexueller Erregung üblicherweise ansteigen.
Das Hormon Prolaktin wird in der Hypophyse gebildet. Bei Frauen stimuliert es das Brustdrüsenwachstum und setzt unter Einwirkung weiterer Hormone die Milchproduktion in Gang. Stimuliert wird die Ausschüttung von Prolaktin durch das Saugen des Kindes an der Brustwarze. Ob und bei welchem Prolaktinspiegel die Lust der Frau gebremst wird, dazu gibt es bislang keine Erkenntnisse.
Häufigkeit
Beide Geschlechter unterscheiden sich hinsichtlich der Häufigkeit, sowohl was die absolute Orgasmushäufigkeit pro Monat anbelangt als auch Orgasmusfähigkeit bzw -bereitschaft. Männern wird im Allgemeinen nachgesagt, dass sie wesentlich leichter einen Orgasmus erreichen als Frauen.
Bei Frauen ist das Erreichen des Orgasmus eine gegenüber unterschiedlichsten Einflüssen anfällige Funktion.
Zu den Häufigkeiten existieren unterschiedliche Angaben.
- bis zu 10 % der Frauen erleben nie einen Orgasmus.
- etwas mehr als ein Drittel (ca. 35%) haben nur gelegentlich einen Orgasmus.
- weniger als ein Drittel (ca. 30%) erreichen häufig einen Orgasmus.
- ein Viertel aller Frauen kommt fast immer zum Orgasmus.
Störungen
Gerade bei Frauen ist das Erreichen des Orgasmus häufig an einen sehr individuellen Ablauf der sexuellen Reaktionsphasen gebunden, die eher störungsanfällig sind als bei Männern. Dazu gehören z.B. der Coitus interruptus oder der sehr kurze Coitus. Beim Coitus interruptus, also dem unterbrochenen Beischlaf, wird der Penis kurz vor der Ejakulation aus der Scheide gezogen, um eine Schwangerschaft zu verhindern. Dies ist eine höchst fragwürdige Verhütungsmethode, die auf keinen Fall zu empfehlen ist! Der sehr kurze Coitus ist durch eine äußerst rasche Erregungsphase beim Mann mit unmittelbarem Übergang in die Orgasmusphase gekennzeichnet. In beiden Fällen stagniert die Erregung bei der Frau häufig auf einem verhältnismäßig niedrigen Niveau und ein Orgasmus bleibt aus. Allerdings kann auch das Gegenteil der Fall sein: Wenn der männliche Partner sich bewusst zurückhalten kann, ist die Frau durchaus in der Lage, mehrere Orgasmen zu erleben, bevor auch er einen Orgasmus erreicht.
Ab wann eine Störung vorliegt, ist zunächst eine sehr individuelle Empfindung. Auch ein Liebesspiel ohne das Erreichen eines Orgasmus kann für einen Menschen sexuelle Befriedigung bedeuten.
Erst wenn das Ausbleiben des Orgasmus selber als Störung empfunden wird, ist es als Problem anzusehen, dem man auf den Grund gehen sollte. Außerdem ist zu bedenken, dass sich nach wie vor viel zu viele Männer und Frauen bestimmten "Klischeebildern" unterwerfen und sich selbst unter "Leistungsdruck" setzen, was die Orgasmusfähigkeit und -häufigkeit anbelangt. Ein Nichtfunktionieren in diesen Klischeebildern wird dann auch oft fälschlicherweise als Orgasmusstörung gedeutet.
Natürlich gibt es auch reale Orgasmusstörungen, die behandlungsbedürftig sind und verschiedene Ursachen haben können:
- Störungen der sexuellen Erlebnisfähigkeit, wie z.B. Angst vor dem Geschlechtsverkehr (Moralvorstellungen), Angst vor einer Schwangerschaft, Angst vor dem Versagen, Schuldgefühle
- organische Erkrankungen, wie z.B. ein schwerer Diabetes mellitus, eine Schilddrüsenunterfunktion, Depressionen, Operationen an der Gebärmutter oder Scheide
- schmerzhafter Geschlechtsverkehr
- Vaginismus, also eine krampfartige Verengung der Scheide, die das Einführen des Penis unmöglich macht.
Eine Diagnose der zugrundeliegenden Ursache ist, neben einer eingehenden körperlichen Untersuchung durch einen Gynäkologen bzw. Urologen, meist nur anhand eines einfühlsamen Gespräches möglich. Unter Umständen müssen ein Psychologe oder Psychotherapeut hinzugezogen werden.
Die Behandlung von Störungen im Erleben eines Orgasmus richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Sind keine organische Erkrankungen vorhanden, kommen häufig psychotherapeutische Verfahren zur Anwendung.
 
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